Ich kann kaum glauben, wie lang wir inzwischen in Saudi-Arabien leben. Ich erinnere mich daran, was für eine Umstellung es anfangs für mich war, beim Verlassen des Hauses immer an meine Abaya zu denken. Was eine Abaya ist? Ein formloser, bodenlanger Umhang, der wie ein weiter Mantel den Körper einer Frau vollständig verhüllt.
Auch nach vielen Jahren, habe ich mich nicht daran gewöhnen können. Es ist nicht nur unangenehm heiß unter einer Abaya, der Umhang ist auch hinderlich beim Laufen und Treppensteigen, und kann auf einer Rolltreppe sogar richtig gefährlich sein.

Als die Pflicht sich als Frau zu verhüllen im Jahr 2018 abgeschafft wurde, war ich unglaublich erleichtert. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Fast jede Frau trägt sie trotzdem noch. Vielleicht weil die Familie es fordert, vielleicht um unerwünschte Blicke zu vermeiden. Das ist auch die offizielle Begründung dafür, dass Frauen sich bedecken sollen: Sie können sich so vor bösen und lüsternen Blicken schützen. Und auf diese Weise machen sie sich nicht schuldig, wenn wegen ihnen ein Mann in Versuchung fällt und sich versündigt.
Das Erschreckende für mich als gläubige Christin ist, dass ich in Gemeinden ähnliches höre. Ich kenne die entsprechenden Bibelstellen, doch ich finde keine, die sagt, dass eine Frau die Verantwortung für die Gedanken und Entscheidungen eines Mannes trägt.
Durch das Leben in der arabischen Welt bin ich hellhörig geworden, wenn Christen Lehrsätze aufstellen, die unfrei machen und vom Wesentlichen ablenken. Ich bin sehr dankbar für den Jugendkreis, in dem ich zum Glauben gekommen bin, doch im Nachhinein frage ich mich, ob die langen Diskussionen um die richtige Rocklänge oder Musikrichtung nicht vielleicht von Wichtigerem abgelenkt haben.
Es gibt eine Stelle im Philipperbrief, die ich liebe und die mich andauernd herausfordert.
Ermutigt ihr euch gegenseitig, Christus nachzufolgen? Tröstet ihr euch gegenseitig in Liebe? Seid ihr im Heiligen Geist verbunden? Gibt es unter euch Barmherzigkeit und Mitgefühl? Dann macht doch meine Freude vollkommen, indem ihr in guter Gemeinschaft zusammenarbeitet, einander liebt und von ganzem Herzen zusammenhaltet. Seid nicht selbstsüchtig; strebt nicht danach, einen guten Eindruck auf andere zu machen, sondern seid bescheiden und achtet die anderen höher als euch selbst. Philipper 2,1-3
Diese Verse wecken in mir eine große Sehnsucht nach einer solchen Gemeinschaft. Nicht andere mit unseren Blicken abschätzen, richten, aburteilen, sondern von Herzen lieben und wertschätzen. Gäbe es diese Liebe und gegenseitige Annahme in unseren Gemeinden, würde das, glaube ich, sehr einladend auf Menschen wirken, die Gott nicht kennen.

Hallo Marianne, leben Sie immer noch in Saudi Arabien? Meine Frau und ich haben mit Begeisterung Ihr Katar Buch gelesen.
Hallo Rainer,
herzlichen Dank für die Nachrict! Ja, wir leben immer noch in Saudi-Arabien.
Viele Grüße
Marianne